Hamburger Rathaus: Prunk und Politik von innen
Wer das Hamburger Rathaus nur von außen kennt, hat das Beste verpasst – denn hinter der neorenaissancefassade verstecken sich 647 Räume voller Geschichte, Prunk und hanseatischer Würde.
Das Hamburger Rathaus am Rathausmarkt ist nicht nur Sitz von Bürgerschaft und Senat, sondern auch eines der beeindruckendsten Bauwerke der Stadt. Zwischen 1886 und 1897 erbaut, verbindet es repräsentative Architektur mit gelebter Demokratie – und das kannst du bei einer Führung hautnah erleben. Wer die schweren Bronzetüren passiert, tritt in eine Welt, die Hamburgs Selbstverständnis als stolze, unabhängige Hansestadt auf Schritt und Tritt sichtbar macht.
Das Gebäude: Zahlen und Fakten
Mit seinem 112 Meter hohen Turm überragt das Rathaus die umliegenden Dächer der Innenstadt. 647 Räume erstrecken sich über das weitläufige Gebäude – eines der größten Rathäuser Deutschlands. Die Fassade aus Sandstein ist reich verziert mit Figuren, Wappen und allegorischen Darstellungen hanseatischer Tugenden wie Handel, Seefahrt und Gerechtigkeit. Insgesamt haben zwanzig Hamburger Architekten am Entwurf mitgewirkt, was die lange Planungs- und Bauzeit erklärt. Das Ergebnis ist ein einheitliches Gesamtwerk, das dennoch in jedem Winkel neue Details preisgibt.
Führungen durch die Prunkräume
Den Innenhof und das Erdgeschoss kannst du kostenlos betreten. Für die Prunkräume im Obergeschoss buchst du am besten eine der regelmäßig stattfindenden Führungen. Diese werden täglich auf Deutsch, Englisch und Französisch angeboten – allerdings nur, wenn die Räume nicht für offizielle Anlässe belegt sind, was kurzfristige Änderungen möglich macht. Führungen starten direkt im Eingangsbereich des Rathauses ohne Voranmeldung. Da das Angebot von der politischen Terminlage abhängt, empfiehlt sich ein früher Besuch am Vor- oder Sonntagvormittag, wenn weniger Sitzungen stattfinden. Die Dauer einer Führung beträgt in der Regel etwa 45 Minuten.
Highlights im Inneren
Auf der Führung durchquerst du Säle, die du so in einem Rathaus nicht erwartest: vergoldete Decken, aufwendige Holzvertäfelungen, riesige Gemälde und Kronleuchter, die an königliche Paläste erinnern. Zu den bekanntesten Räumen zählen der Kaisersaal, der Senatssaal und der große Festsaal. Jeder Raum erzählt von der Geschichte Hamburgs als freie Hansestadt und von seiner Bedeutung als einer der wichtigsten Handelsstädte Europas. Im Kaisersaal, der ursprünglich für den Empfang des deutschen Kaisers ausgebaut wurde, fallen besonders die lebensgroßen Wandgemälde auf, die historische Szenen aus der Hamburger Geschichte zeigen. Der Senatssaal ist bis heute der Arbeitsort des Hamburger Senats und wirkt dadurch lebendig und weniger museumshaft, als man es erwarten würde.
Geschichte: Von der Pest bis zur Gegenwart
Das Rathaus wurde gebaut, nachdem ein verheerender Brand im Jahr 1842 große Teile der Altstadt vernichtet hatte. Der Vorgängerbau fiel den Flammen zum Opfer. Der Neubau sollte den Aufstieg Hamburgs als moderne Welthandelsstadt symbolisieren. Sehenswert ist auch die Inschrift über dem Hauptportal: „Die Freiheit, die ich meine, die mein Herze füllt, komm du in meiner Seele, du in meinem Sinn“ – ein Zitat aus dem Gedicht von Max von Schenkendorf. Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass das Rathaus auch die Choleraepidemie von 1892 überdauerte, bei der rund 8.600 Hamburgerinnen und Hamburger starben. Im zweiten Weltkrieg blieb das Gebäude weitgehend unversehrt, während weite Teile der Umgebung zerstört wurden. Diese Kontinuität macht das Rathaus zu einem echten Anker der Stadtgeschichte.
Fotospots und Tipps
Der Innenhof mit seinem Hygieia-Brunnen ist ein klassischer Fotospot und lädt zum Verweilen ein. Die bronzene Figur der Hygieia, der griechischen Göttin der Gesundheit, wurde nach der Choleraepidemie aufgestellt – eine direkte historische Referenz, die viele Besucher nicht kennen. Von den oberen Fenstern auf der Führung hast du einen besonderen Blick auf den Rathausmarkt und die Alsterarkaden. Für Aufnahmen der Außenfassade eignet sich der frühe Morgen oder die blaue Stunde am Abend am besten. Dann sind die Touristengruppen weg, das Licht ist warm und das Rathaus strahlt ohne störende Menschenmassen.
Praktische Informationen
- Führungen starten regelmäßig direkt im Rathaus – keine Voranmeldung nötig, aber frühzeitiges Erscheinen empfehlenswert.
- Der Innenhof ist kostenlos zugänglich; für die Prunkräume wird eine Führungsgebühr erhoben.
- Fotoaufnahmen auf der Führung sind in der Regel erlaubt, Stative jedoch nicht gestattet.
- Gut erreichbar: U3/S-Bahn Rathaus, wenige Gehminuten vom Jungfernstieg.
- Kombiniere den Besuch mit einem Spaziergang durch die benachbarten Alsterarkaden.
- Wochentags haben Führungen seltener Ausfälle wegen politischer Veranstaltungen als an Samstagen.
Das Hamburger Rathaus ist keine museale Staffage, sondern ein aktiv genutztes Gebäude – und genau das macht Führungen so lebendig: Manchmal hörst du im Nebenraum tatsächlich Politik. Wer einmal durch die Prunkräume gewandert ist, sieht den Rathausmarkt danach mit anderen Augen.