Museum für Kunst und Gewerbe: Angewandte Kunst
Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg vereint auf beeindruckende Weise antike Kunsthandwerke, Jugendstil-Glanzstücke und zeitgenössisches digitales Design unter einem Dach.
Ein Haus mit Tiefgang
Direkt neben dem Hamburger Hauptbahnhof liegt eines der vielseitigsten Museen der Stadt: das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, kurz MK&G. 1877 gegründet, gehört es heute zu den bedeutendsten Designmuseen Europas. Seine Sammlung umfasst rund 500.000 Objekte aus vier Jahrtausenden – von antikem Kunsthandwerk bis zu digitaler Gegenwart. Das Gebäude selbst, ein klassizistischer Bau aus dem späten 19. Jahrhundert, passt mit seiner ruhigen Würde gut zur Vielfalt, die im Inneren auf die Besucher wartet.
Der Eintritt ins MK&G ist gut investiertes Geld: Ein einziger Besuch reicht kaum, um allen Abteilungen gerecht zu werden. Viele Stammgäste kommen mehrfach im Jahr, um Sonderausstellungen zu sehen oder Teile der Dauersammlung zu erkunden, die sie beim letzten Mal übersprungen haben. Die Museumsleitung achtet darauf, die Präsentation regelmäßig zu aktualisieren, sodass sich auch Wiederholungsbesuche lohnen. Wer das MK&G das erste Mal betritt, ist oft überrascht, wie groß und wie vielschichtig das Haus tatsächlich ist – die nüchterne Außenfassade lässt kaum erahnen, welche Fülle an Objekten und Themen sich im Inneren entfaltet.
Der Pariser Saal: Jugendstil pur
Ein absolutes Highlight der Dauerausstellung ist der sogenannte Pariser Saal. Das MK&G erwarb um 1900 gleich mehrere komplette Raumensembles von der Pariser Weltausstellung, darunter dieses prächtige Jugendstil-Interieur. Wer den Raum betritt, begreift sofort, warum der Jugendstil die Designgeschichte so nachhaltig geprägt hat: organische Formen, aufwendige Materialien und eine Einheit von Architektur und Möbel, die heute noch begeistert. Die Detailarbeit an Vertäfelungen, Leuchten und Möbelstücken zeigt, mit welchem handwerklichen Ehrgeiz die Epoche an die Gestaltung von Wohnräumen heranging.
Wer sich für Jugendstil interessiert, sollte auch die umliegenden Schaukästen mit Kleinobjekten aus derselben Zeit nicht übersehen – Schmuck, Gläser und Keramiken aus dem frühen 20. Jahrhundert ergänzen das große Raumensemble auf wunderbare Weise. Der Pariser Saal ist zugleich ein Zeugnis dafür, wie ernst das Museum bei seiner Gründung das Prinzip des Gesamtkunstwerks genommen hat: Man wollte nicht einzelne Objekte zeigen, sondern das Zusammenwirken von Raum, Möbel und Dekoration in seiner Totalität erfahrbar machen. Dieser Anspruch ist bis heute erkennbar und verleiht dem Saal eine Wirkung, die weit über das rein Historische hinausgeht.
Fotografie und zeitgenössisches Design
Das MK&G besitzt eine der bedeutendsten Fotografiesammlungen Deutschlands, die von den Anfängen der Fotografie bis zur digitalen Gegenwart reicht. Gleichzeitig sammelt das Haus aktiv zeitgenössisches Design, digitale Kunst und New-Media-Arbeiten – und bleibt damit an der Schnittstelle von Tradition und Gegenwart positioniert. Wer sowohl historische Daguerreotypien als auch zeitgenössische Netzkunst unter einem Dach sehen möchte, ist im MK&G an der richtigen Adresse.
Die Sonderausstellungen widmen sich regelmäßig aktuellen Designthemen – von nachhaltiger Produktgestaltung bis zu Typografie und Grafikdesign. Diese wechselnden Präsentationen sorgen dafür, dass das Museum keine statische Institution ist, sondern aktiv an den Diskussionen der Gegenwartskultur teilnimmt. Besonders im Bereich digitaler und interaktiver Gestaltung hat das MK&G in den vergangenen Jahren ein klares Profil entwickelt: Das Haus zeigt, dass Design keine abgeschlossene historische Kategorie ist, sondern eine lebendige Praxis, die sich permanent verändert und neu erfindet.
Interkulturelle Sammlungsschwerpunkte
Neben europäischer Designgeschichte umfasst die Sammlung bedeutende Bestände aus Ostasien und der islamischen Welt. Japanische Lackarbeiten, chinesisches Porzellan und islamische Keramik geben dem Museum eine globale Perspektive, die es von vielen anderen Häusern unterscheidet. Diese Sammlungsteile sind nicht als exotische Randnotiz aufgestellt, sondern als gleichwertige Beiträge zur Weltgeschichte des Designs – ein Ansatz, der dem Museum zu Recht Anerkennung eingebracht hat. Die ostasiatischen Bestände des MK&G gehören zu den umfangreichsten ihrer Art in Norddeutschland und wurden über Jahrzehnte gezielt ausgebaut. Begleitende Texte und Kontextualisierungen machen deutlich, in welchem kulturellen und historischen Rahmen die einzelnen Objekte entstanden sind – das Haus vermeidet dabei eine eurozentrische Perspektive und bemüht sich um eine faire Einordnung der jeweiligen Gestaltungstraditionen.
Was das MK&G bietet
- Jugendstil-Ensemble „Pariser Saal“ von der Weltausstellung 1900
- Umfangreiche Fotografiesammlung von der Frühzeit bis heute
- Ostasiatische und islamische Kunsthandwerke
- Zeitgenössisches Design und digitale Kunst
- Regelmäßige Sonderausstellungen und Workshops
- Museumsshop mit Design-Editionen und Fachbüchern
Lage, Besuch und praktische Tipps
Das MK&G liegt im Herzen Hamburgs direkt am Hauptbahnhof – du kannst es nach der Ankunft mit dem Zug quasi zu Fuß erreichen. Dieser zentrale Standort macht es zum idealen Ausgangspunkt für einen Kulturtag in der Stadt. Vor dem Besuch lohnt sich ein Blick auf die Website des Museums, um aktuelle Sonderausstellungen und Öffnungszeiten zu prüfen. Wer das Museum in Kombination mit einem Besuch der benachbarten Hamburger Kunsthalle plant, sollte etwas mehr Zeit einrechnen – beide Häuser zusammen können problemlos einen ganzen Tag füllen. Ein praktischer Tipp: An Donnerstagabenden hat das MK&G oft verlängerte Öffnungszeiten, was gerade für Berufstätige eine willkommene Gelegenheit ist, die Sammlung nach der Arbeit in aller Ruhe zu erkunden. Der Museumsshop ist ebenfalls einen Besuch wert: Er führt neben Fachbüchern auch Design-Editionen und Objekte aus der Sammlung, die als Reproduktionen oder lizenzierten Nachfertigungen erhältlich sind – ein schönes Souvenir oder Geschenk für Designbegeisterte. Wer mit Kindern kommt, sollte vorab prüfen, welche Mitmach- und Führungsangebote für jüngeres Publikum verfügbar sind – das Haus bietet gelegentlich spezielle Familienprogramme an, die den Besuch auch für Kinder spannend machen.